Der Wilhelmsplatz wurde ohne viel Tamtam eröffnet

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Im kleinen Kreis und ohne große Feier sollte der nun endlich weitgehend fertige Wilhelmsplatz am Freitag der Bevölkerung übergeben werden. Im Zuge der Coronapandemie wollte die Stadt größere Menschenmassen vermeiden, verzichtete daher auf umfassende Einladungen und auch die Presse wurde gebeten, den Termin im Vorfeld nicht zu bewerben.

Das sorgte bereits einige Tage vor der Übergabe, kurzzeitig angefeuert durch einen lokalen Blog, in den sogenannten „Sozialen Medien“ zu Verschwörungstheorien. Anscheinend aus dem Umfeld des „Lenkungskreises der Sozialen Stadt Wehringhausen“ wurde die Behauptung verbreitet, engagierte Bürger*innen seien von der Veranstaltung ausgeladen worden. Als Mitglied im Lenkungskreis kann ich dazu an dieser Stelle nur festhalten: Weder wurde ich ausgeladen noch hatte ich jemals das Gefühl, man habe dies versucht. Aber Kommunikation ist ja manchmal nicht einfach.

Doch zurück auf den Wilhelmsplatz …

Ein echter Westfale: Der Wilhelmsplatz hält die Klappe (Foto: Jan Eckhoff)

Um kurz vor elf Uhr war es so weit, die Limousine von Erik O. Schulz rollte auf den eigentlich für den KfZ-Verkehr gesperrten Platz und ließ das Stadtoberhaupt aussteigen. Rund 50 Leute hatten sich mittlerweile mit reichlich Abstand und auch vielfach mit Schutzmasken versammelt. Darunter nicht nur Vertreter*innen mehrerer Ratsfraktionen, sondern auch OB-Kandidat Ingo Hentschel (Die Linke) und OB-Kandidatin Laura Knüppel (Die Partei). Auch ein Kamerateam des WDR war angereist, zahlreiche in Wehringhausen aktive Menschen und einige interessierte Passant*innen.

Pünktlich um elf wollte der Oberbürgermeister dann im Glanze der frisch sprudelnden, neuen Springbrunnenanlage eine kurze Ansprache halten. Doch Pustekuchen: Da wurde wohl ordentliche Wertarbeit geleistet, denn die Zugangsklappe zur Wassersteuerung ließ sich nicht öffnen. Selbst als ein Mitarbeiter des Wirtschaftsbetriebs der Stadt Hagen (WBH) der Luke mit Hammer und Meißel an den Kragen ging, blieb sie verschlossen.

So wurden dann also ohne Fontänen ein paar Worte von Schulz und – für die Baupatinnen des Lenkungskreises – von Gabriele Haasler gesprochen, ein symbolisches Band durchschnitten, das obligatorische Gruppenfoto geknippst und schon nach wenigen Minuten war die Übergabe – wie angekündigt ohne großes Tamtam – beendet.

14 Monate Bauzeit

Die Baupat*innen Harald Husberg, Gabriele Haasler und Willi Göbel (vorne, von links) sowie Bezirksbürgermeister Ralf Quardt, Oberbürgermeister Erik O. Schulz, Bauleiter Georg Skouras und Straßenplanerin Kerstin Schneider (hinten, von links) freuen sich über das abgeschlossene Großprojekt. (Foto: Jan Eckhoff)

Diese eher glanzlose Veranstaltung setzte am Freitag, 28. August 2020, den Schlussstrich unter eine Bauzeit von fast genau 14 Monaten, die das Leben mitten in Wehringhausen deutlich prägten. Begonnen hatten die eigentlichen Arbeiten am Montag, 24. Juni 2019, mit der Verlegung erster Versorgungsleitungen. Dies dauerte bis Ende Juli, der Wilhelmsplatz war in dieser Zeit aber noch weitgehend als Markt- und Parkplatz nutzbar.

Bis in den September 2019 hinein waren dann Fortschritte erkennbar: Nicht nur hatten die Erdarbeiten begonnen, es zeigten sich schon erste Treppenstufen der geplanten Terrassen. Der Markt fand nun vor der Viktoria-Apotheke statt. Über den Winter hinweg wurde unermüdlich weitergearbeitet, im Januar 2020 war schließlich die Bismarckstraße wieder soweit nutzbar, dass nun dieser Bereich für Parkplätze und den Wochenmarkt genutzt wurde.

Im April waren dann schließlich die Pflasterarbeiten auf dem Wilhelmsplatz weitgehend beendet, nun wurden die Zufahrten sowie die Neugestaltung der Fahrbahn und des Bürgersteiges an der Lange Straße in Angriff genommen. Von Mitte Juni bis Mitte Juli wurde die Lange Straße im Bereich Wilhelmsplatz, zuvor eine einzige Schlaglochpiste, asphaltiert und dazu voll gesperrt. Bis Ende August wurden schließlich noch Restarbeiten erledigt.

Kostenexplosion

Im August 2019, kurz nach Beginn der Bauarbeiten, war der Wilhelmsplatz ein großes Loch im Boden. (Foto: Jan Eckhoff)

14 Monate wurde am Wilhelmsplatz und seinem nächsten Umfeld gebaut. Realisiert wurde das Projekt vom WBH im Auftrag der Stadt Hagen, die Ausführung wurde von der Garten- und Landschaftsbaufirma Boymann aus Dortmund übernommen.

Den Umbau überhaupt erst möglich machte das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“, durch das 80 Prozent der Baukosten getragen wurden. Baukosten, für die ursprünglich Ende 2016 ingesamt 1,28 Millionen Euro kalkuliert waren. Gekostet hat der Platz nun rund 2 Millionen Euro – also etwa 700.000 Euro bzw. rund 56 Prozent mehr.

Wie kann eine derart drastische Preissteigerung entstehen? Die Stadt Hagen führt dafür mehrere Gründe an. Zum einen hätten „die recht geringe Anbieterzahl, volle Auftragsbücher der Baufirmen und hohe Honorarvorstellungen für die vielschichtige und spezielle Baumaßnahme“ den Preis in die Höhe getrieben.

Zum anderen seien zusätzliche Kosten von 150.000 Euro (also etwa 7,5 Prozent der Gesamtkosten) für unerwartete Arbeiten an einer unterirdischen Bunkeranlage um einen Löschteich aus dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Eine Anlage wohlgemerkt, die nicht nur in Artikeln und Fotos dokumentiert ist, sondern die auch viele lebende Zeitzeugen noch gut in Erinnerung haben.

Ein Platz wofür?

Nur wenige Minuten nach der Übergabe war der Platz wieder sich selbst überlassen … (Foto: Jan Eckhoff)

Die Gestaltung des Platzes, die im Rahmen von offenen Workshops durch die Wehringhauser Bevölkerung mitgestaltet werden konnte und wurde, stößt im Viertel nicht nur auf Gegenliebe. So bemängeln viele den Verlust einiger zentraler Parkplätze, die insbesondere für Kurzzeitparkende zum Einkaufen im umliegenden Einzelhandel wichtig gewesen seien.

Aber auch von jenen, die sich eine autofreie Fläche mit Aufenthaltsqualität im Herzen des Viertels erfhofft hatten, kamen sowohl rund um die Eröffnung wie auch vielfach in den „Sozialen Netzwerken“ kritische Stimmen: Es sei eine triste, versiegelte Fläche entstanden. Es mangele an Grün, der Spielplatz sei komplett verschwunden, Sitzgelegenheiten kaum existent, eine öffentliche Toilette überhaupt nicht.

Berechtigte Vorwürfe, wenn man nur einmal in die Runde schaut. Doch das Grün wird wohl irgendwann kommen – wenn die zarten, rund um den Platz gepflanzten Bäumchen die nächsten Jahren überstehen. Sitzgelegenheiten sollen auch noch entstehen, beruhigt ein Mitarbeiter der Stadt Hagen vor Ort.

Ob sich der Platz aber nun zu einem lebendigen Zentrum im Stadtteil für die gesamte Bevölkerung entwickelt, wird ganz entscheidend davon abhängen, wie, von wem und wofür er regelmäßig genutzt wird. Dazu reicht ja ein kurzer Blick in andere Städte. Weite, offene Plätze sind dann attraktiv und stiften eine gesteigerte Lebensqualität, wenn sie sauber und permanent in das alltägliche Leben eingebunden sind: Lebendige Restaurants und Cafés mit Außengastronomie an oder sogar auf der Fläche, Schaufenster, die zum Bummeln und verweilen anregen, regelmäßige Veranstaltungen, abwechselnde Märkte, die aus mehr als zwei verloren wirkenden Wagen bestehen, Livemusik, Kunst im öffentlichen Raum … ein Platz kann nur dann positiv wirken, wenn er belebt wird.

Der Wille zur Veränderung

Kunst und Musik, einsam am äußersten Rand des neugestalteten Platzes … (Foto: Jan Eckhoff)

Damit das gelingt, müssen jedoch viele Beteiligte den Willen zur Veränderung zeigen, über ihre Schatten springen, sich aus altem Trott lösen.

Allen voran natürlich eine Stadtverwaltung, die konsequent und umgehend Verschmutzungen und Beschädigungen beseitigen muss, diese aber auch präventiv verhindert und – besonders in den Abendstunden – durch geeignete Maßnahmen das subjektive Sicherheitsempfinden rund um den Platz steigert. Eine Stadtverwaltung, die aber auch Engagement rund um den Wilhelmsplatz nicht lediglich durch Verbote, Auflagen, Gebühren und andere Hürden blockiert; die stattdessen bei der Genehmigung von Außengastronomie sowie von Veranstaltungen und Events berät und unterstützt.

Aber auch die Hauseigentümer*innen rund um den Wilhelmsplatz und in den angrenzenden Straßen sind gefragt: Die Fassaden müssen in Schuss gehalten werden, innovative Nutzungsmodelle der Ladenlokale benötigen durch Modernisierungen und reduzierte Mieten – auch im Interesse von möglichst nachhaltiger Entwicklung – Unterstützung.

Und natürlich liegt es auch an den Gewerbetreibenden und den Kulturschaffenden im Stadtteil, die Attraktivität des Viertels insbesondere rund um seine „gefühlte Mitte“ aufzuwerten. Für künftige Gemeinschaftsaktionen, die ruhig öfter als nur zweimal im Jahr stattfinden dürfen, steht nun eine große, attraktive Fläche zur Verfügung. Sie muss lediglich genutzt werden – freilich erst, sobald die Coronapandemie dies wieder zulässt.

Nicht zuletzt steht aber auch das Quartiersmanagement Wehringhausen jetzt in der Pflicht: Dessen Kernaufgaben sind es unter anderem in Zusammenarbeit mit Behörden, Vereinen und den Gewerbetreibenden „die aktive Stadtteilbevölkerung in ihren Aktivitäten bei Bedarf zu unterstützen“, „andere zu aktivieren und zum Mitmachen zu motivieren“ sowie „bei der Entwicklung und Umsetzung von Projekten zu unterstützen, zu Projektvorschlägen zu beraten und zu begleiten, Drittmittel zu akquirieren“. Wo anders als rund um den Wilhelmsplatz ließen sich diese Vorhaben momentan sinnvoller bündeln?