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Ähnlich wie in anderen Großstädten in Nordrhein-Westfalen startete heute auch in Hagen ein besonderes Angebot: Für Personen in sogenannten „Brennpunkt-Vierteln“ wurde vom Land eine Charge des Impfstoffs der Firma Johnson & Johnson bereitgestellt. Von diesem Vakzin ist jeweils nur eine Dosis nötig, eine Folgeimpfung entfällt.

Die Impf-Aktion soll sich vornehmlich an alle richten, die in beengten Wohnverhältnissen in den Stadtteilen Wehringhausen und Altenhagen leben. An Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind. An Drogensüchtige. An Personen, die schon durch sprachliche Hürden es kaum schaffen, einen Termin im Impfzentrum zu vereinbaren. Und die doch aufgrund ihrer Lebenssituation besonders häufig von Corona-Infektionen betroffen sind und die Zahlen auf einem hohen Niveau halten. Armut als Krankheitsrisiko.

Ähnliche Impfaktionen in Stadtteilen wie Köln-Chorweiler hatten in den vergangenen Tagen für einen wahren Andrang Impfwilliger gesorgt. Nicht so heute in Wehringhausen. Doch der Reihe nach …

Lieber den deutschen Stoff

Durch die Berichterstattung der Tagespresse und darauffolgende hitzige Facebook-Diskussionen war ich überhaupt erst auf einen Impftermin heute in Wehringhausen aufmerksam geworden. Nach einer entsprechenden Anfrage an die Stadt Hagen wurde ich eingeladen, mir vor Ort selber ein Bild zu machen.

Also begebe ich mich gegen 14 Uhr bei nasskaltem Wetter auf den Weg zum Bodelschwingh-Platz im unteren Wehringhausen. Dort findet zwischen 13 und 17 Uhr der erste von zwei niederschwelligen Impfterminen durch ein mobiles Team vom Gesundheitsamt der Stadt Hagen, dem Arztmobil der Diakonie und dem Roten Kreuz statt.

Auf dem Weg durch die Unterführung zwischen Augustastraße und Bodelschwingh-Platz bekomme ich im Vorbeigehen mit, wie ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes einige Angehörige der sogenannten „Trinkerszene“ anspricht, ob sie nicht auch an der Impfaktion teilnehmen wollen. Die Antwort eines Mannes ist so klar wie eindeutig: „Da warte ich lieber, bis ich einen deutschen Impfstoff bekomme.“ Gemeint haben wird er damit wohl den Impfstoff der von Özlem Türeci und Ugur Sahin gegründeten Firma BionTech mit Sitz in Mainz.

Geringes Interesse

Der Bodelschwingh-Platz zeigte sich gut eine Stunde nach Impfbeginn dann deutlich leerer, als ich es erwartet hätte – kommt man doch eigentlich an einen Impftermin bei uns deutlich schwerer als an ein Kilo Haschisch.

Am Rande der Wehringhauser Straße ist ein großes Zelt aufgebaut, in dem die Impfungen stattfinden. Davor stehen in einer Schlange im anhaltenden Nieselregen etwa 20 wartende Personen und noch einmal beinahe ebensoviele Mitarbeitende der Stadt, des Roten Kreuzes und verschiedener Medien.

Was ich in der Warteschlange jedoch kaum sehe, sind Menschen, die ich subjektiv und optisch als rumänisch, bulgarisch oder mit einem anderen Migrationshintergrund lesen würde. Dafür entdecke ich einige mir bekannte Personen aus dem Viertel.

Hoffnung auf Normalität

Künstlerin Elvyra Gessner und ihr Partner freuen sich darauf, bald wieder unbeschwert Zeit mit der Familie verbringen zu können. (Foto: Jan Eckhoff)

So etwa Elvyra Gessner, Künstlerin und Inhaberin der gleichnamigen Malschule an der Lange Straße, und ihren Partner Wolfgang. „Wir haben durch Zufall von diesem Termin erfahren“, erzählt Wolfgang. „Wir sind sehr froh, hier geimpft zu werden. Ich habe meine Schwester aus Angst, sie anzustecken, seit einem Jahr nicht mehr besuchen können.“ Auch auf ein bald wieder unbeschwertes Zusammentreffen mit ihren Enkelkindern hoffen die beiden, die generell impfberechtigt sind. „In Kürze haben wir einen regulären Impftermin. Den sagen wir nun ab, damit der Impfstoff jemand anderem zur Verfügung steht!“

Ein paar Meter weiter werde ich gegrüßt. Kapuze, FFP2-Maske und meine Kurzsichtigkeit. Verzeihung, hab dich erst nicht erkannt. Martina Friske, Wehringhauser „Urgestein“ und vielfältig ehrenamtlich unter anderem in der Pelmke aktiv, hat ebenfalls nur durch Zufall von dem Termin erfahren: „Ich bin zwar den ganzen Tag auf Facebook, aber hiervon hatte ich nix mitbekommen. Eine liebe Freundin rief mich vorhin an und sagte, ich solle sofort kommen.“ Gesagt getan, machte sie sich auf den Weg. „Ich erhoffe mir, dass ich durch die Impfung bald ein Stück meines normalen Lebens zurückbekomme.“ Also hat der Flurfunk in Wehringhausen funktioniert? Martina ist skeptisch: „Offenbar nicht genug, hier ist ja kaum was los. Aber es geht ja noch bis fünf.“

Absichtlich nicht angekündigt

Ich habe Fragen. Die mir Stadtsprecher Michael Kaub vor Ort beantwortet. Etwa warum man im Vorfeld kaum etwas von diesem Termin erfahren hat. „Wir waren uns nicht sicher, was uns erwartet“, so Kaub. Außerdem habe man ja eine ganz bestimmte Zielgruppe ansprechen wollen und diese gezielt und breit informiert. Nicht nur durch die städtische Sozialarbeit und das Ordnungsamt seien Menschen mehrfach und in vielen Sprachen auf die Impfmöglichkeit hingewiesen worden. „Wir haben auch mit den ansässigen Pfingstgemeinden zusammengearbeitet, um deren Mitglieder zu erreichen.“

Ich frage, ob auch muslimische Gemeinden angesprochen wurden. „Bislang nicht“, es sei aber in Zukunft geplant. Bestimmt ein lohnenswerter Ansatz, denn Expert*innen wie etwa die Journalistin und Menschenrechtlerin Düzen Tekkal machen darauf aufmerksam, dass eine gewisse Impfskepsis zunehmend von islamistischen Gruppierungen ausgenutzt würde. Es kursierten etwa Fake-News, dass Schweinefleisch in Impfungen enthalten sei.

Keine Begrenzung auf Nationalitäten

Wer zum Impfzelt am Bodelschwingh-Platz kam, wurde nach einer ärztlichen Aufklärung geimpft. Eine Beschränkung auf bestimmte Nationalitäten gab es nicht. (Foto: Jan Eckhoff)

Eine wie in einer Tageszeitung im Vorfeld behauptete Beschränkung auf Menschen mit rumänischer oder bulgarischer Staatsangehörigkeit habe es nie gegeben. Michael Kaub erklärt mir, dass mehrere Tage im Vorfeld zunächst Ordnungsamt und Polizei, dann auch Streetworker*innen und Sprachmittler*innen des Quartiersmanagements gezielt im Viertel Personen angesprochen und auf die Aktion unter anderem mit Handzetteln in acht Sprachen (arabisch, bulgarisch, deutsch, englisch, griechisch, italienisch, rumänisch und türkisch) aufmerksam gemacht hätten.

Warum dann trotzdem so wenig los sei, kann sich Kaub nicht erklären. Vielleicht liegt es am Regenwetter. „Aktuell wurden etwa 20 Personen geimpft“, stellt er um 14.30 Uhr fest. Während wir reden wird die Schlange kaum länger, sie bewegt sich aber auch nicht. „Wir haben hier im Grunde ein ähnliches Prozedere wie im Impfzentrum“, erläutert der Pressesprecher. Die Personalien werden kontrolliert, da der Wohnsitz der zu impfenden Person in Hagen liegen muss. Auch findet vor der eigentlichen Impfung ein ausführliches ärztliches Beratungsgespräch statt. „Ob jemand wirklich in prekären Verhältnissen lebt, können wir aber nicht überprüfen.“

Insgesamt stehen der Stadt Hagen aus dem Sonderkontingent von Johnson & Johnson 1.000 Dosen zur Verfügung. Verimpft wurden an diesem Tag in Wehringhausen insgesamt 160. Morgen kommen die restlichen Dosen auf dem Altenhagener Marktplatz zum Einsatz. Was dann nicht genutzt wird, muss aber nicht weggeschüttet werden, beruhigt mich Michael Kaub: „Der Impfstoff ist lange haltbar. Wir planen weitere Aktionen dieser Art, bei denen wir ihn einsetzen können.“ Wenn möglich auch mit zusätzlichen Sonderlieferungen vom Land.

Antisemit im Anflug

Das kurze Gespräch endet, ich stecke meine Kamera ein. Da kommen aus einem Haus am Rande des Bodelschwingh-Platzes zwei kräftige Männer um die 30 und steuern auf uns zu. Der eine baut sich vor mir auf und ergießt einen Sprachschwall aus Französich über mich. Sorry, kann ich nicht. Findet er nicht lustig.

In einem wilden Deutsch-Englisch radebricht der erboste Mann, er wolle sich bei der Stadt beschweren, dass so etwas hier vor seiner Haustür passiere! Niemand sei je an Corona gestorben. Sein Begleiter habe Corona gehabt, das sei nicht schlimm gewesen. Alles eine Lüge von Bill Gates und den Juden, um unsere Wirtschaft zu zerstören. „You know Bilderberger? Mafia!“

Wütend stapft er von dannen auf der Suche nach einer Person mit Französichkenntnissen. Und nimmt ein Stück meiner Hoffnung auf baldige Normalität mit sich.