Näher dran: Falken jetzt am Wilhelmsplatz

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Vor ein paar Tagen flatterte eine Mail in meinen Posteingang. Maximilian Adams, neuer Unterbezirkssekretär der Falken in Hagen, schrieb: „Wir haben zu Jahresbeginn neue Räumlichkeiten am Wilhemsplatz bezogen und starten momentan mit kleinen Schritten, wie es Corona zulässt, mit unseren zum Teil auch gänzlich neuen Angeboten. Vielleicht hast du ja Lust, uns die Tage mal zu besuchen.“ Und ob ich das hatte! Schon seit vielen Jahren rätselte ich immer mal wieder, wer diese Falken eigentlich sind und was sie da so in ihren bisherigen Räumlichkeiten in der Augustastraße machten. Aber mal nachfragen, nachschauen, das hat sich bislang irgendwie nicht ergeben.

Und so machte ich mich dann also auf in die Bismarckstraße 20, direkt am unteren Ende des Wilhelmsplatzes. Direkt neben dem ehemaligen und mittlerweile zu Wohnungen rückgebauten „Louvre“ (die Älteren kennen es wohl noch als „Sumpfblüte“) liegt ein kleines, unscheinbares Ladenlokal. Außen weist bislang keine Beschriftung darauf hin, was hier sein könnte. Ich gehe durch die Tür und bin erstaunt: Mit so hellen, offenen Räumlichkeiten hätte ich hier nicht gerechnet. Der Sonnenschein durchflutet den Raum vom hintern Balkon aus, der in einen wundervoll begrünten Innenhof mündet, am Kicker und einigen Regalen voller Spiele vorbei bis zu einer großen, gemütlichen Sitzecke im Eingangsbereich. Dort lasse ich mich dann auch mit Max und seiner Kollegin Manya Teschke zum Interview nieder.

Doch noch bevor wir unser Gespräch starten können, klopft es an der Scheibe. Draußen steht eine Traube Kinder: „Seid ihr schon da? Dürfen wir Kicker spielen?“ – „Noch eine halbe Stunde“, ruft Manya. „Wir haben hier noch ein Gespräch“. Ein wenig enttäuschte, aber doch verständnisvolle Blicke treffen uns, dann ist wieder Ruhe und wir können anfangen.

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Manya arbeitet seit einem Dreiviertaljahr bei SJD die Falken. „Max und ich sind sowohl Unterbezirkssekretär*innen wie auch Bildungsreferent*innen“, erzählt mir die 31-jährige Kölnerin, die eigentlich aus Hamburg stammt und auch schon in Schweden und Südamerika gelebt hat. „Das heißt, wir machen sowohl die Bildung- und politische Arbeit als auch alles, was im Bereich Verwaltung und Organisation anfällt.“ Obwohl sie unser Viertel bislang nur unter Corona-Bedingungen kennengelernt hat, ist sie mittlerweile gut angekommen. „Ich kannte Hagen vorher gar nicht und wollte eigentlich pendeln, aber ich mag Wehringhausen mittlerweile so gerne, dass ich jetzt zumindest zwei Tage pro Woche auch hier wohne.“ Der 34-jährige Max Adams hingegen lebt schon seit 15 Jahren in Wehringhausen, „freiwillig“, wie der gebürtige Breckerfelder betont. „Und auch wirklich gerne, das muss man ja schon immer dabei sagen, so viel Negatives wie immer über diesen Stadtteil geschrieben wird.“

Aus Wehringhausen für Hagen

Und was machen die Falken denn nun eigentlich? „Wir sind ein bundesweiter Kinder- und Jugendverband“, erklärt Manya. „Die Struktur ist aber grade in NRW, wo es die Falken in sehr vielen Städten gibt, kompliziert. Wir sind beispielsweise der Unterbezirk Hagen, es gibt dann aber noch einmal mehrere Ortsverbände wie Wehringhausen, Altenhagen oder Vorhalle. Die werden aber alle von hier verwaltet.“ Doch was tatsächlich passiert, wird dabei demokratisch bestimmt, wie Max weiter erläutert: „Wir sind zwar die Hauptamtlichen, was wir umzusetzen haben, wird aber von einem ehrenamtlichen Verein bestimmt.“ Ein klein wenig komplizierter wird es dann aber doch noch: In Hagen existieren zwei Falken-Strukturen. Das ist zum einen der Kinder- und Jugendverband SJD Die Falken, der seit etwa 40 Jahren in der Stadt besteht. Und dann gibt es noch das Falken Bildungs- und Freizeitwerk bzw. FBF Hagen, den lokalen Trägerverein. „Das FBF besitzt und verwaltet etwa das Jugendzentrum in Vorhalle, das Friedenshaus in Altenhagen, das Spielhaus in Brockhausen und die Räumlichkeiten in der Augustastraße. Dort hatten wir als SJD bislang unsere Büros und Gruppenräume angemietet.“ Man habe aber entschieden, setzt die studierte Psychologin und Humanökologin fort, dass die SJD zentraler im Stadtteil vertreten sein solle, um unter anderem mehr Bezug zu den Kindern auf dem Wilhelmsplatz herzustellen. „Das FBF verbleibt aber weiterhin mit seinen Büros und unter anderem den Nachhilfeangeboten an der Augustastraße.“

Falken-Geschäftsstelle in der Bismarckstraße
In dem grau-roten Haus, zwischen Frisiersalon und dem zurückgebauten Louvre, liegt bislang ganz unauffällig die neue Geschäftsstelle von SJD Die Falken. (Foto: Jan Eckhoff)

Der Besuch von Gedenkstätten gehört dazu

Doch nicht nur an Kinder richtet sich das Angebot, auch für Jugendliche und junge Erwachsene wird in der Bismarckstraße ein Programm angeboten. Schon länger gibt es etwa eine Jugend- und eine spezielle Mädchengruppe. Doch dabei soll es nicht bleiben, beschreibt Max: „Wir haben uns neue, regelmäßige Angebote überlegt. Das sind eine Politgruppe, ein Queer-Café und ein Lese-Kreis. Nach dem Sommer soll es auch regelmäßige Sing-Abende geben.“ Hinzu kommen die traditionellen Falken-Fahrten zu Gedenkstätten oder NS-Dokumentationszentren, im Juli als Tagestouren in NRW und im August als einwöchige Freizeit für 15- bis 21-Jährige nach Berlin. Im November ist außerdem eine mehrtägige Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz in Planung.

Was mich noch dringend interessiert: Wie macht ihr denn auf euch aufmerksam, geht ihr raus auf den Platz und bimmelt mit der Glocke? „Nein gar nicht“, lachen beide im Chor. „Das was du hier grade erlebst mit den Kindern, das ist einfach zu uns gekommen. Wir machen ja noch gar keine Werbung. Die Kinder haben einfach Lust, etwas zu machen. Wir wurden beispielsweise auch gefragt, ob wir mal mit ihnen Schwimmen gehen.“ Und das ist sogar möglich, klärt mich Manya auf: „Unsere Gruppenstunden laufen so ab, dass alle Teilnehmenden zusammen entscheiden, was gemacht wird. Da wird dann mal zusammen gekocht oder wir gehen Schwimmen, ab und zu ist auch mal eine Fahrt in einen Freizeitpark drin. Wir müssen natürlich etwas darauf achten, was sich finanzieren lässt.“ Dabei sei ganz wichtig, betont sie, dass die Falken kein Jugendzentrum sind. „Wir haben keine offenen Angebote. Als Jugendverband gibt es bei uns feste Gruppen. Aktuell können wir es personell zwar leisten, dass die Kinder auch einfach vorbeikommen, sich Spielzeug holen. Aber für ein Angebot wie Ausflüge braucht es schon eine gewisse Regelmäßigkeit und Verbindlichkeit.“

Getragen durch Ehrenamt

Neben drei hauptamtlichen Mitarbeitenden, die sich etwa zwei volle Stellen teilen, wird ein großer Teil der Arbeit bei den Falken ehrenamtlich getragen. „Die Gruppen werden von meist zwei Helfer*innen ehrenamtlich geleitet und wir unterstützen diese im Hintergrund“, beschreibt Manya das Arbeitsprinzip. „Mit unseren neuen Angeboten wollen wir uns auch ein wenig mehr politisch engagieren, in die Gesellschaft einbringen und Hagen mitgestalten. In dem Zuge sind jetzt zehn bis fünfzehn Leute dazu gestoßen, die in den Gruppen mitarbeiten und Vorstandsarbeit leisten wollen. Dazu kommt noch einmal die ungefähr gleiche Anzahl an Helfer*innen, die schon seit ein paar Jahren dabei sind. Es können aber auch gerne noch mehr werden.“

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Dass das neue Engagement dabei keine strikte Parteilinie vertritt, ist Max, der sowohl als Sozialarbeiter wie auch als Kulturwissenschaftler ausgebildet ist, wichtig: „Auch wenn SJD zwar für ‚Sozialistische Jugend Deutschlands‘ steht und die Falken immer Teil der sozialdemokratischen Bewegung waren.“ Gegründet wurden sie vor rund 100 Jahren im SPD-Umfeld, waren jedoch nie parteigebunden. Wie nah die Arbeit tatsächlich an die SPD angelehnt ist, entscheidet sich jedoch oft durch die Mitglieder und Vorstände der Trägervereine. „Die Falken sind in der Tradition ein Arbeiter*innenverein und das soll künftig auch mehr in den Fokus gerückt werden. Das Auseinanderdriften von Arm und Reich ist für uns ein wichtiges Thema.“

Kaum haben wir fertig gesprochen wuselt rund ein Dutzend Kinder – alle vorbildlich mit FFP2-Masken – durch die Tür. Kicker und Spiele werden erobert, der Raum füllt sich mit Lachen. Schön, dass es diese Möglichkeit gibt.

Stadtteilprojekte

Etwas besser im Stadtteilbild werden die Falken wohl schon bald wahrgenommen: Am 28. Juni wurden durch den Lenkungskreis des Programms „Soziale Stadt Wehringhausen“ zwei von ihnen eingereichte Anträge einstimmig angenommen. Zum einen wird es, gemeinsam mit anderen Vereinen, bald einen wöchentlichen „Spiel- und Zirkustreff“ als begleitetes Angebot auf dem Wilhelmsplatz geben. Zum anderen sollen ebendort regelmäßig kleine Nachbarschaftsfeste veranstaltet werden, bei denen alle Menschen aus dem Viertel die Gelegenheit bekommen sollen, sich gegenseitig kennenzulernen. Das niederschwellige Angebot soll etwa Angebote für Kinder und Essen umfassen und wird durch den Verein „Romano Drom“ unterstützt.

Offenlegung: Der Autor dieser Zeilen ist für den „Runden Tisch Kreativwirtschaft“ stimmberechtigtes Mitglied im Lenkungskreis der Sozialen Stadt Wehringhausen.