ÖPNV in Hagen: Es geht voran, wenn auch langsam

Neue DFI-light-Anzeige am Wilhelmsplatz (Foto: Simon Schreckenberg)
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Still und heimlich sind sie aufgestellt worden, die neuen Haltestellenschilder. Seit letztem Monat bieten an 40 Bushaltestellen im Hagener Stadtgebiet und zwei in Herdecke die sogenannten „DFI-light-Anzeigen“ mehr Informationen für Busfahrgäste. DFI steht dabei für „Dynamische Fahrgastinformation“. Sie reihen sich damit ein in verschiedene Entwicklungen, die vorsichtig optimistisch stimmen können, dass es positiv mit dem Hagener Nahverkehr weitergeht.

Bereits seit Anfang des Jahrhunderts stehen an einigen größeren Haltestellen DFI-Anzeigetafeln. Sie sind zum Beispiel am Hauptbahnhof, in der Stadtmitte, am Boeler Markt oder auch im Haspe Zentrum zu finden. Der Mehrwert für Fahrgäste ist dabei, dass die Abfahrten der Busse in Echtzeit angezeigt werden. Verspätungen sind einberechnet und es ist übersichtlich erkennbar, welche Busse als nächstes kommen. Außerdem können Sondermeldungen bei Betriebsstörungen eingeblendet werden. Im Moment liest man dort Hinweise zur Maskenpflicht.

Neue digitale Anzeigetafeln

Die nächsten Abfahrten und weitere Infos direkt im Blick: Die neue DFI-light-Anzeigen. (Foto: Simon Schreckenberg)

An 42 Haltestellen finden sich die 54 neuen DFI-light-Anzeigen der schwedischen Firma Axentia. Sie sind sozusagen der kleine Bruder des größeren Modells und machen eine Ausstattung von viel mehr Haltestellen möglich. Außerdem bieten sie sogar eine Sprachausgabe. Anzeigen dieser Art sind jedoch in unserer Region nicht ganz neu: Sie stehen bereits seit einigen Jahren an Haltestellen der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen (Bogestra) und der Verkehrsgesellschaft Ennepe-Ruhr (VER).

Nun zieht Hagen also nach. Möglich gemacht wurde dies durch ein Sonderinvestitionsprogramm des nordrhein-westfälischen Verkehrsministeriums im letzten Jahr, wonach die Baukosten von 358.943 Euro fast vollständig durch das Land übernommen wurden. Es ist erfreulich zu sehen, dass die Hagener Straßenbahn bei solchen Förderprogrammen proaktiver geworden ist: In den ÖPNV-Förderkatalogen des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr wird verzeichnet, welche Investitionen der Verkehrsunternehmen oder Städte der VRR finanziell unterstützt. In den vergangenen Jahre war dort zu erkennen, dass die Hagener Straßenbahn selten Investitionen anmeldete. Andere Städte haben in der Zeit bereits hunderte ihrer Haltestellen mit DFIs ausgerüstet oder sind andere Projekte angegangen. Das zögerliche Handeln führte mitunter dazu, dass in Hagen schon private Initiativen DFI-Anzeigen gebaut haben. Auch die bisher am häufigsten geförderten barrierefreien Ausbauten von Bushaltestellen sind in Hagen immer recht klein bemessen. Das Ausbauvolumen muss angesichts der Frist, den ÖPNV bis 2022 vollständig barrierefrei zu machen, erhöht werden.

Datenqualität wird sichtbar

Ein Haken an der Sache ist jedoch, dass selbst die besten Anzeigen nichts nützen, wenn die Qualität der Daten, mit denen sie gefüttert werden, nicht ausreichend ist. Das Hochwasser vom 14. Juli 2021 kurz nach dem Aufstellen der DFI-Anzeigen war dazu ein Praxistest: Es wurden durchaus viele Meldungen erstellt, die dann auf den Anzeigen erschienen und im Laufe der Woche detaillierter wurden. So war anfangs etwa nur „Hochwasser beeinträchtigt Busverkehr in Hagen“ zu lesen. Später wurden die Meldungen verfeinert, es hieß beispielsweise „Linie 517 wegen Hochwasserschäden nur bis Hohenlimburg Bf“.

Verbesserungsbedarf besteht aber beispielsweise noch darin, ausfallende oder umgeleitete Busfahrten von Anzeigen zu entfernen. So wurden an den Haltestellen in der Lange Straße, die einige Tage nicht bedient wurden, zwar eine Meldung angezeigt – aber nur unter den normal aufgelisteten Busabfahrtszeiten. Es bleibt zu hoffen, dass mit den neuen und vielleicht bald noch weiteren Anzeigen bei der Hagener Straßenbahn das Bewusstsein über die Wichtigkeit guter Daten besser wird: Schließlich fließen dieselben Daten, mit denen die DFIs versorgt werden, auch in Fahrplan-Apps. Durch die neuen Anzeigen wird schlechte Datenqualität jetzt auch im Stadtbild sichtbar.

Fancy Anzeigen an Bushaltestellen sind aber natürlich nur das eine. Im Rahmen des Klimaschutz wird immer deutlicher, wie wichtig eine Verkehrswende ist. Weil daher noch mehr Menschen auf den ÖPNV umsteigen müssen, sind noch viel mehr Investitionen nötig. Zwar gab es im Dezember 2019 erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt endlich wieder mehr Geld für den Busverkehr: 2,9 Millionen Euro jährlich zusätzlich. Diese wurden unter anderem in verdichtete Takte auf vielen Linien oder den längeren Betrieb der Tageslinien am Abend investiert.

ÖPNV-Anteil muss steigen

Zu den Stoßzeiten sind die Busse in Hagen schon jetzt voll ausgelastet. (Foto: Simon Schreckenberg)

Auch wenn diese Entwicklungen in einer finanzklammen Stadt wie Hagen außerordentlich positiv zu bewerten sind, sind damit noch nicht einmal die Kürzungen der 2000er-Jahre aufgefangen. Zum Vergleich: 2005 fuhren die Bussen in Hagen jedes Jahr knapp 10,4 Millionen Kilometer. 2013 erreichten sie einen Tiefpunkt mit 8,35 Millionen Kilometern, 2022 sollen sie wieder 9,01 Millionen Kilometer fahren. Zwar kann man argumentieren, dass die Hagener Bevölkerungszahl seit 2005 gesunken ist, aber bei einem Anteil der Busse am gesamten Modal Split – der Verteilung des Gesamtverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel – von nur circa 17 Prozent ist hier noch viel Luft nach oben.

Bis 2035 hat sich Hagen das Ziel gesetzt, den Modal Split des motorisierten Individualverkehrs, also vor allem private PKWs, auf 50 Prozent zu begrenzen. Die andere Hälfte des Verkehrs soll durch Zufußgehen, Radfahren und den ÖPNV erfolgen. Den ÖPNV-Anteil will man auf 26 Prozent bringen. Dafür muss also noch viel getan werden. Der Fahrplanwechsel 2019 war daher nur ein erster Schritt.

Das hat zum Glück auch die Stadt Hagen mittlerweile gemerkt. Derzeit wird ein „Gutachten zum Ausbau des lokalen ÖPNV in Hagen“ erstellt. In der Sitzung des Ausschusses für Umwelt-, Klimaschutz und Mobilität (UKM) am 16. Juni 2021 wurde davon ein Zwischenstand vorgestellt. Die Gutachter:innen fanden heraus, dass auf einigen Achsen bereits heute bzw. vor Beginn der Corona-Pandemie, die Busse in den Hauptverkehrszeiten am Kapazitätslimit fahren und kaum weitere Personen befördern können. Für die gewünschte deutliche Steigerung der Fahrgastzahlen müsse also auf den wichtigsten Achsen auf ein höherwertiges Verkehrssystem umgestellt werden.

Die im Gutachten genannten wichtigsten Verkehrsachsen in Hagen sind folgende:

  • West: Innenstadt – Wehringhausen – Haspe → Gevelsberg
  • Nord: Innenstadt – Altenhagen – Boele/Helfe
  • Nordwest: Innenstadt – Eckesey – Vorhalle
  • Ost: Innenstadt – (Eppenhausen/Emst) – Hohenlimburg – Elsey → Iserlohn-Letmathe
  • Südost: Innenstadt – Oberhagen – Eilpe – Delstern

Die West- und die Nordachse, also auch der Weg durch Wehringhausen, hätten besondere Priorität für ein höherwertiges System.

Auch wenn es noch keine abschließende Empfehlung gibt, wurde im Vortrag eine Betonung auf sogenannte „Bus Rapid Transit-Systeme“ (BRT) gelegt. Kurz gesagt fahren Busse in solchen Systemen auf eigenen Spuren und Straßen, auf direktem und schnellem Wege und mit hochwertigen Fahrzeugen und Haltestellen. Denkbar sind große Unterstände und Doppelgelenkbusse mit WLAN. Als Beispiele für ein solches System wurden das Bussystem Mettis in Metz und die Linie G in Straßburg genannt. Seilbahnen wurden im Gutachten zwar auch erwähnt, seien aber für mehr als reine Punkt-zu-Punkt-Verbindungen wenig geeignet.

Zurück zur Straßenbahn?

Umweltfreundlich: Straßenbahn mit Rasengleis in Orléans (Foto: Cramos, Citadis 301 n°43 av de Paris à Orléans par Cramos, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

Meiner Meinung nach sollte eher ein Stadt- oder Straßenbahnsystem favorisiert werden. Zum einen sind BRT-Systeme, wenn sie gut gemacht sind, genauso aufwändig wie Stadtbahnen. Sie erfordern eigene Betontrassen durch die Stadt, Stadtbahnen kommen mit klimafreundlicheren und schmaleren Rasen-Gleistrassen aus. Zudem mögen Busse für das anvisierte Ziel von 26 Prozent ausreichen. Denkt man aber weiter, sind Stadtbahnsysteme durch längere Fahrzeuge, dichtere Takte oder Verknüpfung ins Umland auf bestehenden Eisenbahnstrecken („Regionalstadtbahn“) besser skalierbar.

Letztlich sind Stadtbahnsysteme nach den derzeitigen Förderkriterien von Bund und Land bei nur geringfügig höheren Kosten auch noch mit deutlich höheren Sätzen förderbar: Es werden 90 bis 95 Prozent der Kosten übernommen. Bei BRT-Systemen sind es bis zu 60 Prozent. Und wenn man dann noch einen Blick auf die Antriebstechnologien wirft, wird der Vorteil eindeutig. Zwar gibt es mit Oberleitungsbussen auch bereits ausgereifte emissionsfreie Bustechnologien, die aber bei vielen BRT-Systemen unverständlicherweise nicht zum Einsatz kommen. Elektrische Stadtbahnen hingegen sind in unzähligen Städten und Regionen bereits bewährte Systeme. Auch in Hagen fuhren sie bereits über 70 Jahre lang von 1895 bis zum 29. Mai 1976 und trugen zur Entwicklung unserer Stadt und der Region bei.

Es ist noch viel zu tun

Zusammengefasst ist ersichtlich, dass in Sachen ÖPNV in Hagen schon einiges geschieht und die Entwicklung in eine positive Richtung zeigt. Zwar geht es nicht im allerschnellsten Tempo voran, aber im Vergleich zu Städten wie Mülheim oder Wuppertal, wo Straßenbahnstrecken eingestellt oder „normale“ Busse durch umständliche Taxibusse ersetzt werden, macht Hagen dennoch einiges besser. Daher sollten die Hagener Politik, Stadtverwaltung und die Hagener Straßenbahn AG sich in Bezug auf den städtischen Nahverkehr auf folgende Punkte konzentrieren: 

  • Kurzfristig das Busangebot durch Taktverdichtungen und Netzverbesserungen weiter erhöhen;
  • ebenfalls kurzfristig durch den Ausbau von DFI-Anlagen, barrierefreien Haltestellen und die Anschaffung moderner Busse den ÖPNV attraktiver und benutzbarer für alle machen und dafür Förderprogramme in Anspruch nehmen;
  • mittelfristig den Bau einer Stadtbahn auf den Hauptachsen und eine Elektrifizierung des restlichen Busnetzes mit Batterie-Oberleitungsbussen vorantreiben.

In Hagen vom VRR mitfinanzierte Investitionen im ÖPNV nach § 13 ÖPNVG NRW seit 2008

  • 2021: 88 B+R-Plätze am Hauptbahnhof
  • 2020: Barrierefreier Ausbau von 7 Haltestellen (3. Bauabschnitt)
  • 2020: Bf. Hagen-Vorhalle, Bau Wetterschutz und taktiles Leitsystem (Projekt der Deutschen Bahn)
  • 2019: Barrierefreier Ausbau von 6 Haltestellen (2. Bauabschnitt)
  • 2018: Barrierefreier Ausbau von 8 Haltestellen (1. Bauabschnitt)
  • 2013: Bau der DB-Information Hagen Hbf. (Projekt der Deutschen Bahn)
  • 2013: 6 Fahrgastunterstände an Haltestellen
  • 2012: DFI Stadtmitte, DFI Hohenlimburg Bf.
  • 2010: „Haltestelleneinrichtungen“
  • 2010: Bau des ZOB (Zentraler Omnibusbahnhof) Hohenlimburg Bf.

Alle neu mit DFI ausgestatteten Haltestellen

StadtbezirkHaltestelleLinienausgestattete Bussteige
Hagen-MitteAllgemeines Krankenhaus525, 543, NE42
Hagen-MitteBachstr.525, 543, NE41
Hagen-MitteBrüderstr.510, 512, 515, 516, NE1, NE52
Hagen-MitteBrunnenstr.520, 541, SB72, NE61
Hagen-MitteCuno-Berufskolleg521, 525, NE41
Hagen-MitteEmster Str.520, 541, SB72, NE61
Hagen-MitteEmsterfeld518, 519, 535, NE11
Hagen-MitteFernUniversität515, 527, 5341
Hagen-MitteFichte-Gymnasium521, 525, NE42
Hagen-MitteFranklinstr.514, 5211
Hagen-MitteGinsterheide510, 512, 542, NE12
Hagen-MitteGoebenstr./Wohnungs-verein514, 543, NE71
Hagen-MitteGutenbergstr.525, 543, NE41
Hagen-MitteHeinrichstr.517, NE21
Hagen-MitteHöing528, 542, NE191
Hagen-MitteHoubenstr.528, 542, NE191
Hagen-MitteSiedlerstr./HVG510, 512, 542, NE11
Hagen-MitteSt-Josefs-Kirche510, 512, 515, 516, 527, NE1, NE52
Hagen-MitteTotenhofweg520, 541, SB72, NE62
Hagen-MitteWestfalenbad5281
Hagen-MitteWilhelmsplatz514, 5212
Eilpe/DahlDahl510, 523, NE41
Eilpe/DahlFreilichtmuseum512, 84, NE31
Eilpe/DahlJägerstr.510, 512, NE41
HaspeBasseDruck511, 514, 542, NE32
HaspeGrundschötteler Str.542, NE31
HaspeHeilig-Geist-Str.514, 542, NE3 [weitere an anderen Steigen]1
HaspeVollbrinkstr.511, 521, 529, 543, NE322
HohenlimburgDümpelstr.515, 521, 524, NE51
HohenlimburgElsey Kirche517, 530, 5382
HohenlimburgElsey Post513, 530, NE21
Hagen-NordBoele Amtshaus538, 542, 5941
Hagen-NordBorgenfeldstr.514, 538, 542, 594, NE71
Hagen-NordFröbelstr.514, 524, NE11
Hagen-NordFuhrparkstr.515, 518, 519, 541, 594, NE5, NE91
Hagen-NordGrimmestr.516, 524, 528, NE191
Hagen-NordHelfe Mitte524, 534, 543, NE7 [weitere an anderen Steigen]1
Hagen-NordKapellenstr.510, 512, 514, 524, 534, 542, 543, NE11
Hagen-NordKlopstockstr.515, 518, 519, 541, 594, NE5, NE91
Hagen-NordPieperstr.514, 543, NE71
HerdeckeHerdecke Mitte376, 518, 519, 564, 581, 582, NE19, Bürgerbus2
HerdeckeMozartweg376, 518, 564, 581, NE192
Gesamt:42 Haltestellen54 Anzeigen

Bereits zuvor gab es 68 DFI-Anzeigen der Hagener Straßenbahn AG an 20 Haltestellen: Hagen Hbf., Stadtmitte/Volme Galerie, Haspe Zentrum, Hasper Torhaus, Eilpe, Altenhagener Brücke, Volkspark, Theater, Schwenke, Rathaus an der Volme, Markt, Landgericht, Loxbaum, Tondernstr., Boele Markt, Vorhalle Mitte, Hohenlimburg Mitte, Hohenlimburg Bf, Westerbauer Nordstr., Herdecke Schanze.


Verwendete Quellen:

  • Anlage 1 zur Vorlage 0447/2021 im Ratsinformationssystem der Stadt Hagen [Link]
  • Vorlage 0193/2019 im Ratsinformationssystem der Stadt Hagen [Link]
  • Pressemeldung „Sonderprogramm für den ÖPNV entlastet Kommunen – Verkehrsministerium gibt Maßnahmen zur Umsetzung frei“ des Ministeriums für Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen vom 3. September 2020 inklusive Anlage [Link]
  • Förderkataloge des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr nach § 13 ÖPNVG NRW im Zeitraum von 2008 bis 2021 [Link]
  • Jahresabschlüsse des Unternehmens „Hagener Straßenbahn AG“ im Zeitraum von 2005 bis 2019, verfügbar im Bundesanzeiger [Link]
  • Masterplan Mobilität der Stadt Hagen [Link]
  • Vorstellung und Diskussion zum Zwischenstand des Gutachtens im UKM-Ausschuss am 16. Juni 2021 [Link] (Folien der Präsentation bei Fertigstellung des Artikels nicht online verfügbar.) 
  • WAZ-Artikel „Wie Mülheim den Nahverkehr schnell und attraktiv machen will“ vom 9. Juli 2021 und „So planen Stadt und Ruhrbahn das neue Nahverkehrsnetz“ vom 21. Februar 2021 [Link 1] [Link 2]
  • „Fahrplanwechsel 18. August 2021“ auf der Webseite der Wuppertaler Stadtwerke [Link]

Korrektur, 19.08.21: Einige kleinere Tippfehler im Text wurden ausgebessert und ein fehlender Link bei den Quellen ergänzt.