Geänderte Wahlkreise – Anderes Ergebnis in Hagen und dem Ennepe-Ruhr-Kreis?

In verschiedenen Städten NRWs kam in den letzten Monaten ein Verdacht auf: Wurden Wahlkreise so verändert, dass sich Stimmverhältnisse zugunsten der aktuell im Landtag vertretenen Parteien ändern? Da es auch in Wehringhausen für die kommende Landtagswahl zu gleich mehreren Veränderungen kam, habe ich mir das mal genauer angeschaut.

Für die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen gibt es insgesamt 128 Wahlkreise, die jeweils etwa 100.000 wahlberechtigte Personen repräsentieren sollen. Da die Bevölkerung in den einzelnen Gegenden schwanken kann, ist hin und wieder eine Anpassung der Wahlkreise erforderlich. Hagen befindet sich in zwei Landtagswahlkreisen: Zum einen im Wahlkreis 103 (Hagen I), der mit den Stadtbezirken Hohenlimburg, Hagen-Nord und Hagen-Mitte bei der letzten Landtagswahl 2017 insgesamt 100.326 Wahlberechtigte repräsentierte. Zum anderen liegen die Hagener Stadtbezirke Haspe und Eilpe/Dahl im Wahlkreis 104 (Hagen II / Ennepe-Ruhr-Kreis III), der außerdem noch die Städte Breckerfeld, Gevelsberg und Ennepetal umfasst und damit 2017 mit nur 86.087 Wahlberechtigten ebenfalls eine:n Abgeordnete:n per Direktmandat nach Düsseldorf schickte.

Da sich die Landtagswahlkreise aus Kommunalwahlbezirken zusammensetzen und diese wiederum aus Stimmbezirken bestehen, war zum Ausgleich der beiden Hagener Wahlkreise zunächst eine andere Neuordnung nötig. Und die sollte in Wehringhausen stattfinden.

Aus drei mach zwei

Bis Ende 2020 lag Wehringhausen verteilt auf drei Kommunalwahlbezirke:

  • 09 mit den Stimmbezirken 1091 (Theater), 1092 (Feuerwache Mitte), 1093 (Södingstraße) und 1094 (Wilhelmsplatz)
  • 10 mit den Stimmbezirken 1101 (Stadtgarten), 1102 (St.-Michael-Kirche), 1103 (Minervastraße) und 1104 (Sternwarte)
  • 11 mit den Stimmbezirken 1112 (Wehringhauser Str./Graf-von-Galering), 1113 (Cunosiedlung) und 1114 (Kuhlerkamp)

Die Stimmbezirke wurden nun neu verteilt, sodass Wehringhausen und Kuhlerkamp sich jetzt lediglich auf zwei Wahlbezirke verteilt:

  • Aus 10 wurde 09 mit weiterhin den Stimmbezirken 1101, 1102, 1103 und 1104
  • 10 hingegen besteht jetzt teilweise aus dem alten 09 mit den Stimmbezirken 1092, 1093 und 1094 sowie dem vorherigen 11 mit 1112, 1113 und 1114.

Der Stimmbezirk 1091, der zwar interessanterweise „Theater“ heißt, in dem selbiges aber gar nicht liegt (hingegen jedoch unter anderem das Fichte-Gymnasium, das Cuno-Berufs-Kolleg oder das Kultopia) gehört nun zum Kommunalwahlbezirk 01 in der Innenstadt.

Ein wahrer Riese

Damit sind wir in Wehringhausen aber noch nicht „unter uns“ – denn der Bezirk 1112 hat es in sich. Er deckt ein riesiges Gebiet ab, beginnt im Westen noch jenseits der Rehstraße in Haspe, umfasst u.a. „Best Carwash“ sowie das Gelände der Hochschule für Polizei und Verwaltung, SIHK-Akademie und Caritas zwischen Eugen-Richter-Straße und Conrad-Adenauer Ring. Seine südliche und östliche Grenze läuft entlang der Bahnlinie bis zum Ende der Wehringhauser Straße, nach Norden wird es von der alten Bahntrasse unterhalb des Kuhlerkamps begrenzt, die bald zum Fahrradweg werden soll. Es umfasst also das Schlachthofgelände, S-Bahnhaltestelle, Bodelschwinghplatz, Bohne, Villa Post.

Doch damit nicht genug, weitet sich das Gebiet ab Schwenke dann aus, enthält das Schwenke-Center, Rathaus II und Hauptbahnhof, Graf-von-Galen-Ring, Stresemannstraße und die Straße am Hauptbahnhof bis hin zur Altenhagener Brücke. Im Norden zieht sich der Bezirk 1112 dann über die gesamte Phillipshöhe inklusive Ruheforst bis zum Wolfskuhler Weg. Doch so groß die Fläche dieses Gebietes ist, so unterschiedlich seine Bebauung, so vielfältig seine Nutzung und so dicht es auch stellenweise bewohnt wird: Insgesamt lebten dort bei der letzten Landtagswahl nur 1.012 wahlberechtigte Personen, von denen wiederum lediglich 300 bzw. 29 Prozent ihre demokratischen Rechte nutzten. Nur in der Södingstraße und zwei Altenhagener Bezirken war die Wahlbeteiligung noch niedriger.

Wir sind jetzt Haspe

Doch zurück zur Neusortierung der Wahlkreise: Denn die beiden neuen Kommunalwahlbezirke 09 und 10 mit Wehringhausen und dem Kuhlerkamp wurden folgend aus dem Hagener Landtagswahlkreis 103 ausgegliedert und 104 zugeschlagen. Unser Viertel (inkl. dem gesamten Bereich rund um den Hauptbahnhof) wird damit im Düsseldorfer Landtag also nicht mehr von der Direktkandidatin oder dem Direktkandidaten für Hagen-Mitte vertreten, sondern gehört formell nun zu Haspe, Eilpe/Dahl und den drei Städten Breckerfeld, Ennepetal und Gevelsberg im südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis, aus denen auch das Gros der aktuellen Kandidat:innen kommt.

Wer profitiert?

Meine ursprüngliche Fragestellung, mit der ich viele Stunden Statistiken ausgewertet, gerechnet und verglichen habe, war aber wie oben erwähnt: Bedeutet die Neusortierung der Wahlkreise und -bezirke für irgendwen einen politischen Vorteil?

Um es ganz kurz zu machen: Nein, das tut sie nicht. Wer auch immer hier in welcher Behörde gerechnet hat, bis der Kopf qualmte, hat einen ziemlich guten Job gemacht.

Zwar wurden in den zehn Stimmbezirken, die jetzt zum Wahlkreis 104 gehören, bei der letzten Landtagswahl immerhin 6,6 Prozent aller gültigen Stimmen im ehemaligen Wahlkreis 103 abgegeben – die Verlagerung ändert jedoch so oder so herum nichts an den Ergebnissen. Der mit Abstand größte Ausreißer ist dabei noch die CDU, die – hätte Wehringhausen schon 2017 zum WK 104 gehört – im WK 103 ganze 0,63 Prozent mehr Zweit- und 0,69 Prozent mehr Erststimmen im Endergebnis gehabt. Dafür hätte sie aber im WK 104 ausgleichend 0,51 Prozent Zweit- und 0,66 Prozent Erststimmen verloren.

Alle weiteren Unterschiede liegen weit unter einem Prozent, selbst bei den Zweitstimmen der AfD, die 2017 erstmals bei einer NRW-Landtagswahl antrat und aus dem Stand auf 10,0 Prozent im Wahlkreis 103 sowie 9,2 Prozent im Wahlkreis 104 kam und in den Wehringhauser Bezirken mit 10,6 Prozent sogar zur am dritthäufigsten gewählten Partei wurde.

Methodik

Um herauszufinden, ob der Wahlkreiswechsel in der Vergangenheit zu veränderten Ergebnissen geführt hätte, musste ich zunächst einige Werte erfassen. Als erstes habe ich für die Landtagswahlen 2017, 2012 und 2010 die jeweils in den Wahlkreisen 103 und 104 abgegebenen Stimmen ermittelt. Weiterhin die gültigen Stimmen für Wehringhausen/Kuhlerkamp in den Wahlbezirken 1092, 1093, 1094, 1101, 1102, 1103, 1104, 1112, 1113 und 1114, die nun statt zum WK 103 zum WK 104 gehören. Weiterhin habe ich für beide Wahlkreise und zusammen für die zehn Wechselbezirke die Erst- und Zweitstimmen aller Parteien erfasst, die aktuell eine:n Direktkanditat:in aufgestellt haben.

So konnte ich nur folgende Werte ermitteln und auf einen Blick vergleichen:

  • Tatsächliche Anteile der einzelnen Parteien an den abgegebenen gültigen Stimmen sowohl in den beiden Wahlkreisen wie auch in Wehringhausen/Kuhlerkamp.
  • Veränderung der gültigen Stimmen, wenn Wehringhausen bereits im Wahlkreis 104 und nicht mehr im Wahlkreis 103 gelegen hätte.
  • Veränderung der Anteile der einzelnen Parteien an den abgegebenen gültigen Stimmen, wenn Wehringhausen bereits im Wahlkreis 104 und nicht mehr im Wahlkreis 103 gelegen hätte.


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Verwendete Quelle:

  • Wahlergebnisse in Hagen (Stadt Hagen, zuletzt abgerufen am 04.05.2022)
  • Verteilung der Wahlkreise bei der Landtagswahl 2017 (Landtag NRW, zuletzt abgerufen am 04.05.2022)
  • Landtagswahl 2022, Beschreibung der Wahlkreise (Landeswahlleiter, PDF, zuletzt abgerufen am 04.05.2022)
  • Wahlbezirke für die Kommunalwahl 2020 nach Beschluß vom 19.02.2020 (GeoDatenPortal Hagen, zuletzt abgerufen am 04.05.2022)
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