Verfolgt, weil sie nicht als „normal“ galten: Neue Stolpersteine im Viertel

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Auch in Hagen kannte das nationalsozialistische Terrorregime keine Gnade. Wer nicht ins völkische Weltbild des deutschen Faschismus passte, wurde gnadenlos verfolgt und ermordet. Zuerst kamen politische Gegner*innen, Linke und vermeintliche „Sozialist*innen“ ins Kreuzfeuer. Dann wurden mit höchster bürokratischer Effizienz, industrieller Präzision und äußerster Brutalität millionenfach Menschen jüdischen Glaubens, Sinti und Roma sowie Homosexuelle ermordet. Schließlich richtete sich die gut geölte Mordmaschinerie auch gegen alle andere, die als nicht „normal“ galten.

Stolpersteine für Julius Weiß und Ilse Mitze
(Foto: Jan Eckhoff)

Eigentlich wollten der 20-jährige Julius Weiß und seine 23-jährige, schwangere Verlobte Anna Bache heiraten und ein glückliches Leben in Wehringhausen führen. Doch es kam anders: Aus „Gefährdung des deutschen Blutes“ wurde die Ehe untersagt, Weiß schließlich 1941 wegen „Rassenschande“ in die Konzentrationslager Dachau und Sachsenhausen deportiert. Anna Bache, die bereits ein Kind aus erster Ehe mit in die kleine Patchwork-Familie gebracht hatte, erhielt keine staatliche Unterstützung. Einziger Grund: Julius Weiß war Angehöriger der Sinti. Wie durch ein Wunder überlebte Weiß das Konzentrationslager, wurde 1945 von alliierten Soldaten gerettet. Neun andere Mitglieder seiner Familie hatten dieses Glück nicht.

Die 18-jährige Ilse Mitze arbeitete als Hausmädchen in der unteren Augustastraße. Dort hatte sie unter Einsatz ihres Lebens, während alle anderen im Bunker waren, nach einem Bombentreffer einige Gegenstände aus dem brennenden Wohnhaus gerettet. Dies wurde ihr schließlich zum Verhängnis, denn kurz darauf wurden einige gerettete Kleidungsstücke – Hemden, Schlüpfer und Strümpfe – bei ihr gefunden, Mitze wegen Plünderei zum Tode verurteilt. Der Richter ließ keine Gnade walten, denn Ilse Mitze galt als „Volksschädling“. Sie sei „dumm und frech“ gewesen und es habe mehrmals ein junger Mann bei ihr übernachtet. Die mittlerweile 19-Jährige wurde im Mai 1944 in Dortmund geköpft.

Neue Stolpersteine

Stolpersteinverlegung, Kinder
Kinder der Janusz-Korczak-Grundschule hatten ein kleines Theaterstück eingeübt. (Foto: Jan Eckhoff)

Am vergangenen Montag, 21. Juni, wurde Julius Weiß und Ilse Mitze durch die Verlegung von Stolpersteinen vor ihren Wohnhäusern gedacht. Julius Weiß lebte an der Ecke Augusta- und Pelmkestraße. Einen Vortrag zu seinen Ehren hielt der SPD-Bundestagsabgeordnete René Röspel. Außerdem führten Kinder der vierten Klasse der Wehringhauser Janusz-Korczak-Grundschule ein kurzes Theaterstück auf. Ilse Mitze lebte an der Ecke Augustastraße und Bergischer Ring. Ihr zu Ehren sprach Pfarrer Martin Schwerdtfeger von der evangelischen Paulus-Gemeinde.

Die Verlegung der Stolpersteine erfolgte auf Anregung des Hagener Geschichtsvereins und eines Projektkurses des Rahel-Varnhagen-Kollegs unter Leitung des Lehrers Pablo Arias. Ausgeführt wurde sie vom Künstler Gunter Demnig, der seit 1996 bundesweit Stolpersteine verlegt. 

Mehr lesen

Mehr zum Schicksal von Julius Weiß und anderen vom Nazi-Regime verfolgten Menschen aus Wehringhausen könnt ihr im Artikel „Den Opfern ein Gesicht geben“ von Michael Vollmer im 089magazin wehringhausen, Ausgabe 3 (Winter 2019) lesen. Mit Ilse Mitze wird sich ein Artikel von Fazdi Askova, Teilnehmer des Projektkurses am Rahel-Varnhagen-Kolleg, im fünften 089magazin wehringhausen beschäftigen, das voraussichtlich im Herbst 2021 erscheint.

Dieser Text erschien zuerst im wöchentlichen Wehringhausen-Newsletter.
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