Gitarren made in Wehringhausen

Paulina Pruscini hat sich als Gitarrenbauerin in Wehringhausen selbstständig gemacht. (Foto: Jan Eckhoff)
Lesezeit: ca. 3 Minuten

Die jungen Menschen hören heute doch alle nur noch elektronische Musik, könnte man manchmal meinen. Dass dieser Eindruck nicht stimmt, dafür ist Paulina Pruscini der beste Beweis, denn sie hat – im unmittelbarsten Wortsinn – handgemachte Musik zu ihrem Beruf erkoren. In der Lange Straße 18 hat sie vor wenigen Wochen eine Gitarrenbau-Werkstatt eröffnet.

Paulina ist gelernte Zupfinstrumenten-Macherin. „So heißt der Beruf tatsächlich“, erklärt mir die 26-Jährige. „Das heißt, ich mache nicht nur Gitarren, sondern auch Ukulelen, Mandolinen, Zittern, Hackbretter, Balaleikas und alles, was da sonst so zugehört.“ Nur bei Harfen müsse sie passen.

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Nun ist Gitarrenbau wahrlich kein alltäglicher Beruf. Das handwerkliche Arbeiten wurde der sympathischen Instrumentenbauerin aber bereits in die Wiege gelegt: „Meine Eltern sind beide Meister, meine Mutter im Metall- und mein Vater im Elektrobereich. Ich bin es also gewohnt, dass man vieles selbst macht.“ Nach dem Abitur am Christian-Rohlfs-Gymnasium bekam Paulina dann einen Gitarrenbaukurs in Köln geschenkt. „Da in der Werkstatt war mir dann bereits klar: Ich möchte nichts anderes mehr machen als das!“ 

Über Berlin ins Vogtland

Doch leider erkrankte der Gitarrenbauer aus Köln schwer und eine Ausbildung in der Domstadt wurde unmöglich. „Ich habe mich dann in Hagen und der näheren Umgebung bei 37 Tischlereien um einen Ausbildungsplatz beworben“, berichtet Pruscini. „Und von genau einer habe ich eine Absage bekommen. Der Rest hat einfach gar nicht geantwortet. So viel zum Thema Handwerk und Nachwuchssorgen.“

Also war klar, Paulina muss für die Ausbildung ihre Heimat Haspe verlassen. Bundesweit hat sie Bewerbungen im Bereich Zupfinstrumentenbau verschickt und war schließlich erfolgreich: „In dem Beruf gibt es in ganz Deutschland jedes Jahr nur etwa ein Dutzend Ausbildungsplätze, die meisten an zwei Fachschulen in Sachsen beziehungweise in Bayern. Ich habe aber einen Betrieb in Berlin gefunden, der mich nehmen wollte.“ Also ging es für die frischgebackene Abiturientin in die Hauptstadt, wo sie die nächsten eineinhalb Jahre arbeitete. „Danach bin ich dann im November 2015 nach Klingenthal gezogen, wo ich meine Ausbildung an der Berufsfachschule für Musikinstrumentenbau abgeschlossen habe.“

Paulina Pruscini,Selbstgebaute Gitarren und eine mehr als einhundert Jahre alte Säge schmücken das Ladenlokal von Paulina Pruscini an der Lange Straße. (Foto: Jan Eckhoff)

Musikalisches Hogwarts

„Die Schule ist supercool, da kommen ganz viele nerdige Leute aus ganz Deutschland zusammen und die sind dann auch eigentlich die ganze Jugend in dem 8.000-Einwohner-Städtchen.“ Denn in Klingenthal werden verschiedenste Instrumentbauberufe gelehrt: Von Gitarren über Geigen bis hin zu Akkordeons, insgesamt bis zu 18 Personen pro Jahrgang in allen Sparten. Paulina schmunzelt: „Mein Vater hat das mal mit Hogwarts verglichen.“ Aber wie auch an der Zauberschule von Harry Potter ist die Ausbildung irgendwann vorbei.

„Ich habe meinen jetzigen Mann Jimin an der Schule kennengelernt, der fing seine Ausbildung an, als meine endete – deshalb war ich noch etwas länger in Sachsen.“ Bis Februar 2021 blieb das Vogtland das Zuhause von Paulina Pruscini. Bis es sie dann wieder nach Hagen verschlagen hat.

 „Jimin kommt eigentlich aus Schwaben, ist dann aber in Portugal aufgewachsen und hat später im Garten- und Landschaftsbau gearbeitet. In diesem Bereich hat er nun auch hier wieder eine Anstellung“, erklärt Paulina. „Deshalb ist es jetzt am Anfang erst einmal gut, dass sich das Geschäft zwar trägt, aber ich muss noch keinen großen Gewinn erwirtschaften.“ Außerdem seien die Mieten in Wehringhausen unschlagbar günstig und es gäbe weit und breit kaum ein ähnliches Angebot. „Das hat mich schon erstaunt, als ich damals nach einem Ausbildungsplatz gesucht habe: Im Pott gibt es extrem wenige Instrumentenmacher:innen.“

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Service wird gebraucht

Doch wie sieht der berufliche Alltag einer Gitarrenbauerin aus? Die junge Handwerkerin schmunzelt. „Leider steht niemand morgens auf und lässt sich spontan eine Gitarre bauen, deshalb arbeite ich hauptsächlich im Service“, also dem Reparieren, der Wartung und dem Umbau von Gitarren. „Viele Leute, die ein Instrument von der Stange kaufen, lassen bei mir dann die Grundeinstellungen vornehmen. Denn die sind meistens, auch die Teuren, nicht optimal eingestellt. Das kann zu Schmerzen beim Greifen führen.“ Außerdem sind in der Werkstatt auch Verschleißteile wie Saiten und Gurte erhältlich.

Zum Abschluss des Gesprächs kann ich mir eine Frage nicht verkneifen: Was kostet eine komplett selbstgebaute, maßgeschneiderte Gitarre? „Das kommt ganz darauf an“, erklärt mir Pruscini. Während bei einer E-Gitarre der reine Korpus für unter tausend Euro individuell hergestellt werden kann, kosten die Anbauteile wie etwa der Tonabnehmer schon ein paar hundert Euro zusätzlich, „das geht alles in allem dann so ab 1.300 Euro los“. In einer Akustikgitarre hingegen stecken schnell 100 Arbeitsstunden und mehr: „Das beginnt dann so etwa ab 3.000 Euro, je nach Material und Sonderwünschen.“


[Korrektur, 27. Januar, 16:45 Uhr] In der ursprünglichen Version des Artikels hatte ich vom „Voigtland“ geschrieben, wo auch immer das sein mag. Richtig ist natürlich Vogtland.